Kunst & Sportverein Wilhelmsburg

(KuS) Kunst & Sportverein Wilhelmsburg
Umsonst und im Verein

 
Pokale:Strassen:Doping

 

Pokale, Straßen, Doping

Wilhelmsburg, Kunst und Sportverein, Sport, X-Beine, Straßen, Doping, Gelenkbus, Iba, Bindestrich, Pool, Seide, Pokale - von Christian Bernhardt - www.christianbernhardt.de


 

das ist also ein wanderpokal. er wechselt von sieger zu sieger, muss dann wieder abgegeben werden, der sieger verfällt. dann gibt es einen neuen sieger. und dieser pokal hier, lieber museumsbesucher, massives silber, ein meter groß, neogotisch verziert, alles daran wirkt heute ein wenig bieder und etwas protzend, ja, das ist der erste deutsche tennispokal, hamburg, 1892. dafür steht er jetzt in unserem täglich geöffneten museum. die namen der tennisspieler, die ihn in den jahren gehabt haben, sind da jedenfalls eingraviert und ablesbar.

 

 

diese neuen pokale sind bereit für gewinner. pokale werden verliehen wie medaillen. es gibt pokale am ende von wettbewerben. es gibt pokale, die du dir selbst verleihst, weil du so schön lebst. zwischendrin oder hinterher, den zeitpunkt bestimmst nur du allein. egal woher du den gedanken hast. pokale kannst du dann bestellen, verleihst sie dir dann jedes jahr (so macht er es, erzählt er jedenfalls).

 

es gibt straßen. man hat sie natürlich für die fortbewegung gebaut. gewöhnlich wohnt man auch an straßen. es gibt straßen die hin führen oder die weg führen, straßen die um etwas herum führen. undsoweiter. straßen die bewohnt sind. es gibt leere straßen, es gibt straßen mit leeren straßenrändern. es gibt wasserstraßen. es gibt fußgängerzonen, und im märchen wohnt man im wald.

 

etwas in etwas hineinstecken. kraft hineinstecken. doping. hinein pumpen in etwas. epopumpe, fakepumpe, muskelpumpe, kulturpumpe, spermapumpe, betonpumpe made in germany, noch einmal kulturpumpe, egopumpe, milchpumpe, hafenpumpe. das ganze land ein dopingmärchen.

 

 

 

 ja.

"kunst- und sportverein" ist etwas anderes als "kunst und sportverein" (hier fehlt der bindestrich), letzterer ist kunst neben einem sportverein, mehr neben als dort, in der ersten kombination, die vermischt und verbindet. beziehungsweise der sportverein bleibt frei, beziehungsweise bleibt es zwischen "kunst und sportverein" eher unklar.

 

übrigens, habe ich mal angenommen, dass es absicht ist, dass der bindestrich fehlt, deshalb habe ich ihn auch überall weggelassen.

ja, das ist auch okay so.

also kein bindestrich.

ja.

aha.

er hat gesagt, er hätte keine lust auf den bindestrich gehabt.

ja.

kein bindestrich.

ja.

also kein bindestrich.

ja, kein bindestrich.

aber es ist falsch.

das macht nichts.

ja, stimmt, das macht nichts, ist aber trotzdem falsch.

ja.

es ist etwas anderes.

wahrscheinlich.

 

 

er zeigt ein foto, sagt vorher, schau mal. sagt, das ist mein lieblingsfoto von wilhelmsburg. das foto auf dem display seiner kamera, auf dem foto erkennst du einen runden pool in einem rechteckigen garten, mehr lang als breit. einer dieser pools aus zusammensteckbaren plastikteilen, hüfthoch und drei oder vier meter durchmesser, kein schwimmzug möglich. der pool ist wahrscheinlich signalblau, aber du kannst die farbe natürlich nicht erkennen, denn der pool steht in etwas drin. es ist ein selbst gezimmerter verschlag, den der besitzer des gartens (wahrscheinlich war er es) über und um den pool gebaut hat, nach aufbau der blauen plastikteile nach anleitung, nachträglich um das runde gebilde herum gebaut. das dach ist gewellter kunststoff, die wände ein holzgerüst. sie sind mit tannengrünem netzstoff bespannt. und wo steht das? da irgendwo am vogelhüttendeich, sagt er.

 

 

und dann von rechts nach links gelesen: elbe, ufer, deich, felder felder, autobahn a1, drei sportplätze, grünes siedlungsgebiet mit einfamilienhäusern und mehrfamilienhäusern, siedlers ruhe, siedenfelder weg, elsterweide, dorfanger, dann erste wohnbeton betonplatten (von oben ein gepixelter pfeil nach links), penny markt, breite breite bahngleis-trasse, zwei sportplätze, gewerbegebiet, parkähnliche anlage, autobahn a4, kleingärtenzone, wohnbetonzone, backsteinwohnbunkerlinien und backsteinwohnbunkerscharffuren, gewerbegebiet an kanal, gewerbegebiet gewerbegebiet, containerplatz, gewerbegebiet, kanal, gewerbegebiet=hafen, hafen hafen hafen, elbe.

 

 

das ist eine insel. das ist ein dorf, das ist ein dorf mit stadtanschluss. die stadt muss draußen bleiben, die stadt macht es umständlich, sagt er. das macht die insel zur insel. die stadt hat sich nicht für die insel interessiert, die insel wird überfahren, übergangen, übersehen. die insel hat sich unsichtbar gemacht. die insel hat in ihrem unsichtbar sein ihr eigenes ding gemacht. die insel ist besser geworden. die insel muss immer noch draußen bleiben, die stadt will es weiterhin kompliziert haben. die stadt will eine argentinienbrücke, eine solche geradezu unüberquerbare argentinienbrücke und einen solchen umständlichen tunnel und so eine so umständliche autobahn, sagt er.

 

 

was ich da wollte, weiß ich gerade nicht. oder vielleicht eine überlegung: was das so ist, ein verein - vereint (sein) und wie das mit einem wappen zusammen kommt und das wappentier ist ja ein bastard, ein hybrid ... das sieht aus wie ein pudel, nein wie ein hund mit einem hühnerhinterteil, es kann nur ein echtes muskeltier sein, ist ja ein sportverein. wo hast du das gefunden? das ist mir zugelaufen. wirklich? fast.

 

 

da sein. einsteigen in diesen metrobus 13, ein achsenbus, ein linienbus, der bildet die achse durch wilhelmsburg. und dieser bus ist weiblich, jedenfalls stelle ich mir den bus weiblich vor, sagt er. das ist ein schönes handtuch. fühlst du dich schuldig? wir haben so viel spaß. die fahren einer nach dem anderen. ohne bus 13 kein wilhelmsburg. verbindet alles, perlenkette (naturperlen sind das in wilhelmsburg, flussperlen oder meerwasserperlen). oder du fährst auto oder du fährst rad, oder du gehst, das dauert. he was there. and he was much bigger than you. lass mich gehen. einsteigen und der fahrer (einer von vielen) lächelt vor sich hin, lächelt das lenkrad an. lächelt in den spiegel, mitte fünfzig und deutsch aussehend mit breitem schädel, fleischigem gesicht, dem kurzen angegrauten, gelichtetem haar. lächelt durch die riesige frontscheibe. fährt los, lächelt halb zur seite. sieht sich betrachtet von dieser lächelnden anfangzwanzigjährigen, die gleich neben seinem fahrerplatz steht. sie drückt sich an die dicke plastikabtrennung neben dem fahrerplatz. sie umklammert die hohe gelbe stange neben ihm. sie steht auf hohen offenen plastikschuhen. sie hat eine kurze jeans an, so kurz wie nur möglich, nackte, etwas breite beine, bis da oben. beide lächeln die ganze straße am deich entlang, am zollzaun entlang, dann abgebogen in das alte stadtgebiet, in den vogelhüttendeich. großer langer gelenkbus.

 

 

ganz ganz umständlich, nach wilhelmsburg zu kommen, sagt er. da hat sich was dazwischen geschoben, dazwischen gebaut. aber weiß jemand ein schiff? wo fährt ein schiff in den hafen ab, frage ich mich, sagt sie, schreibt er, in den hafen durch den hafen, weiß er, wo war das nochmal? sie antwortete nicht. nun sag doch, wo das schiff abfährt, rüber zur insel. springen geht nämlich gar nicht. da als relief im alten elbtunnel, sagt sie, habe er gesagt, da gibt es doch anlegestellen. ja, geht bis argentinienbrücke, wieder argentinienbrücke, dieses dadrunter, da ist eine anlegestelle. ist ja nicht weit. sagt er. ist nicht weit, sagt sie, das stimmt. das ist so kompliziert wie ich bin.

 

 

also ich bin da durch gefahren, und habe immer gesagt, sagt er, habe gesagt, erklär' mir mal einer wilhelmsburg. das verstehe ich nicht. das habe ich in drei jahren nicht verstanden, was wilhelmsburg ist und wie wilhelmsburg funktioniert. das kannst du nicht in einem monat kapieren, auch nicht in drei monaten, da hast du immer noch kein gefühl oder orientierung. da ist man alle dreihundert meter woanders, allein der vogelhüttendeich, fahr mal da zum stübenplatz, das ist ständig was anderes. was für einen stadtcharakter hat das? sagt er. das ist wie in einem kinderbilderbuch, in dem eine stadt illustriert ist, mit ihren verschiedenen orten direkt zusammengeschoben, übergangslos. und, sagt er, egal wo man ist, überall ist krach. fast überall, fast immer. die lkws, bahntrassen, autobahnen, der hafen. ja.

das muss man anfühlen, erfühlen, kann ich da nur sagen, sagt er. wozu erklären, wozu, das ist die frage, wozu dir ein wilhelmsburg erklären. das kann nur weiß erklärt werden, sagt er, weiß und weg. sind wir denn wilhelmsburgingenieure? wollen wir das sein? hier wird man zu einem solchen wilhelmsburgingenieur gemacht, eine internationalebauausstellung macht aus jedem, der daran interessiert ist, einen wilhelmsburgingenieur. grosse aushebung, jeder kann einer iba-army beitreten, die waffen lagern unten in der wasserburg und wollen gelesen werden. und wehe dem, der das nicht getan hat. nein, sagt er, ich lasse mich doch nicht auf die bühne von so einem wilhelmsburgdiskurs zerren, in so einen verstehensdiskurs, da laufe ich doch lieber schön situationistisch über das elbinselgewirr und bleibe so, sagt er.

 

 

diese s-bahn-hochbahn fährt wie seide, glatt und sanft. heißt ja auch sternenschanze hier. öffne dein portemonnaie und zeige mir das stylish bild von mary mediatrix hinter einem plastikgitter, das steckt dahinter, und dieser zug fährt weiter bis hamburg harburg. überall burgen hier. next station central station. die burgen sind zweisprachig. und ich sage dir doch, wie seide fährt die s-bahn nach wilhelmsburg, so glatt unter deinem s-bahnsitz. nur vor central station ruckelt es wenig. und jetzt musst du aussteigen, mit deinen violetten ballerinas. die rauten auf deiner tasche haben die gleiche farbe. und danach central station bergauf auf die brücke. aussicht auf hafen, rechts, kräne schiffe wasser docks, und auf dein calvin klein sweat-shirt. du beißt auf deinen männerfingern herum, beißt haut ab und spuckst sie in die s-bahn nach wilhelmsburg, s wie seide. hast du portugiesische finger oder sind die, was? elbe elbe, vettel. es bleibt dabei. nur heißt es jetzt gehen und gehen zum weiblichen gelenkbus.

 

 

wir stellen uns der herausforderung. wir haben ein bestreben, wir möchten etwas fassen, wir möchten etwas neu fassen. wir haben neuartige bündnisse gebildet und bilden lassen. wir sind interdisziplinär, wir sind im vorhandenen. wir planen und haben anschließend vorhaben. wir haben fahrradwege im grünen der elbinsel eingezeichnet (die zum download bereit steht). wir haben themen und wir haben handlungsfelder. wir sind gut durchmischt, wir sind bedarfsgerecht, wir sind in einer auch kleinteiligen infrastruktur. ja, wir haben projekte. wir mögen kreativität. wir haben partner, wir haben investoren, wir haben zukunft, wir haben eine mediathek, wir haben einen fahrradverleih. wir haben eine feed mit unter_strich. wir sehen. wir sehen, was du siehst. wir sehen in deine richtung. wir haben dialoge. wir haben bürger. wir haben gremien und beteiligung. wir haben fahrradwege durch die hafenindustriezone in unsere karte eingezeichnet. wir haben foren. wir haben leitthemen. wir stellen uns der herausforderung. wir haben fahrradwege eingezeichnet. wir lächeln. wir haben klimaschutz, wir haben bildung, wir haben gärten, wir haben die zukunft der baustelle. wir haben das wort quartier. wir haben das wort elbinsel. wir haben fahrradwege eingezeichnet. aber die dahin gezitterten striche verlieren sich bei den neuen elbbrücken im durchwehten nichts der fernen baustellen der hafencity. wir haben unsere gezitterten fahrradstrecken durch die hafenzone hinein gestrichelt. wir enden da. anschließen möchten wir. und außerdem haben wir sie, die inneren stadtränder. wir haben da das hässliche, das zerrissene, das durchschnittene, das gelärmte, das verlorene, das konflikthafte. das zeigen wir euch, da legen wir einen informativen teppich darüber, das ist unsere aufgabe.

 

verpackung imballagro packaging / emballage restmüll / ein augenblick für immer / ich liebe meinen busen / ein augenblick für immer / aus gleich wird sofort / hier für immer, bleiben

das denkt ihr euch, hier bleibe ich nicht

 

 

schneller reicht auch schon. das merkt keiner, wir schießen ab, ich meine, wir schließen ab, heute kommt keiner mehr. wir sollten einfach schnell sein, ja, wir sollten. wir wollen das einfach, hole mal das handtuch. gut also, lass uns drücken. in das bauchfleisch. wir werden schnell sein, sowas von schnell. wo sind die spritzen? zusammen ist es sowieso cooler. irgendwie krass, wenn ich mein bein über die stange lege, wie da die oberschenkelmuskulatur hin und her schaukelt. wie, irgendwie. hey, lass es uns gegenseitig machen. das ist bei mir auch so, die muskeln hängen so durch, wie so eine fette gefüllte hängematte an deinem oberschenkelknochen. hast du dich gewaschen? ja. wirklich, glaube ich dir nicht, du bist einfach immer schmutzig. dann nimm doch ein kondom. vergiss es, ich will ja was fühlen. immer wo sind jetzt also die spritzen?! da, nimm eine. kühlschrank? ja. das handtuch. der kühlschrank. ich habe hunger. ich auch, ich habe hunger. ich dürfte eigentlich keinen hunger haben, aber ich habe trotzdem hunger.

 

seine lieblingsjoggingstrecke vom pudel durch den alten elbtunnel durch den freihafen bis zur argentinienbrücke, sagt er, kurz und kompakt, genau sieben kilometer. das beste, sagt er, der läufer, die treppen den alten elbtunnel hoch, leichtfüssig immer zwei stufen und das ganze dann schnell bitte, schneller als der aufzug, wenn es geht, die alten stufen, und leicht bitte bis oben dann, da im tunnelschacht und die letzte holzterrasse und die letzte treppe dann hoch, leicht auch noch und treppe hoch auch noch und genauso leicht und schnell dann wieder an der elbe und die treppen am pudel hoch.

 

 

unbekannte pokale, ein kleiner aufkleber am fuss, aus stein, aus holz, nennt das turnier, den rang, das jahr, den verein. das turnier, an den sich die sieger erinnern, an das sich die sieger erinnern möchten, transportables denkmal. umzug mit meinen acht feldhockeypokalen, dem winzigen, den beiden größeren. lautes langes lachen. now we should go upstairs. nein, ich habe nie feldhockey gespielt. du vielleicht, sagt er. ich nicht.

 

(KuS) Kunst & Sportverein Wilhelmsburg  - Kontakt: mail(at)kunstundsportverein.de - Präsident: Jan Holtmann -  www.noroomgallery.com - Herausgeber: Jan Holtmann - Kunst & Sportverein Wilhelmsburg ist Teil des Projekts »Sidewalk Deli« des Kunstvereins Hamburg, 12. Juni bis 11. Juli 2010